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Prokrastination

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht hin und wieder dabei ertappt, dass er unangenehme Dinge vor sich her schiebt und sich vornimmt, diese später zu erledigen. Dieses Aufschieben ist wissenschaftlich unter dem Namen Prokrastination bekannt und wird seit den 80er Jahren erforscht.

Besonders unbeliebt sind da Tätigkeiten wie eine Steuererklärung, ein unangenehmes Telefongespräch oder die Buchführung, die gerne auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Diese Aufschiebe-Strategie ist mittlerweile so geläufig, dass sie als ganz normal angesehen werden muss. Es gibt jedoch auch Menschen, bei denen das Aufschieben dramatische Ausmaße annehmen kann. Diese Problematik tritt vor allem im Berufsleben auf, wenn ein nicht zu umgehendes Gespräch immer wieder verschoben wird.

Prokrastination gilt als eine Arbeitsstörung und kann Betroffene sowohl im Alltag, im Beruf oder in der Schule betreffen. Von Außenstehenden wird Prokrastination meist als Faulheit oder persönliche Willensschwäche angesehen. Die Betroffenen selbst leiden jedoch nicht zwangsläufig unter ihrer Strategie, für viele ist das Aufschieben einfach ein ganz normales Verhalten. Laut einer amerikanischen Studie gaben 40% der Teilnehmer an, dass sie durch ihre Aufschiebe-Strategie bereits des öfteren in Schwierigkeiten geraten seien. Durch die hohe Arbeitsanforderung bei Studenten wird angenommen, dass die Zahl der Betroffenen bei ihnen wesentlich höher liegt. Eine typische Prokrastination gibt es nicht, grundsätzlich ist jeder Mensch dazu in der Lage und betreibt aktiv das Verschieben von Tätigkeiten. Als Ursache für Prokrastination kommen ein Mangel in der Zeitplanung, schlechte Organisation oder eine gestörte Konzentrationsfähigkeit in Frage. Andere wiederum vermeiden Aufgaben, die ihnen unangenehm erscheinen. Es sind jedoch nicht zwangsläufig Menschen, die zu einer gewissen Schlampigkeit neigen, sondern oftmals sind Perfektionisten betroffen, da sie den optimalen Zeitpunkt für ihre Aufgaben suchen. Einige Menschen haben jedoch einfach Angst vor bestimmten Tätigkeiten, wenn womöglich allein der Gedanke daran, Magenschmerzen auslöst. Hinzu können Angst vor der Kritik anderer kommen oder das Gefühl, zu versagen.

Als schwerwiegendere Ursachen können psychische Störungen oder Depressionen in Frage kommen. In neueren Studien wurde festgestellt, dass häufig Personen, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, von der Prokrastination betroffen sind.

In anderen Ländern kann die Prokrastination auch eine ganz typische Lebensart sein. In Spanien beispielsweise ist das Wort „manana“ (manjana) sehr aussagekräftig. Eigentlich bedeutet es einfach „morgen“, aber wer die Mentalität der Spanier kennt, weiß, dass „manjana“ eine nur sehr vage Terminzusage ist. Bestellt man ein Produkt im Geschäft und es heißt „manjana“, heißt das soviel wie „vielleicht morgen oder übermorgen“, oder vielleicht am Sankt Nimmerleinstag. Unter manjana ist also eine einfache Verschiebe-Strategie zu verstehen.

Ebenso gibt es so genannte Manana-Taktiker. Personen, die denken, dass sie eine Aufgabe erst lösen können, wenn sie vorher eine ganze Reihe anderer Dinge erledigt haben. Manana-Taktiker versuchen also Zeit zu schinden, indem sie zum Beispiel denken, dass sie zunächst ein Germanistikstudium in Angriff nehmen müssen, bevor sie ein Buch schreiben.

Grundsätzlich ist die Aufschiebe-Strategie nicht als krankhaft anzusehen. Allerdings sollte man sich Hilfe holen, wenn man sich selber oder andere von der Prokrastination beeinträchtigt fühlt. Hat der Leidensweg erst begonnen, gerät man schnell in einen Teufelskreis mit Überforderungszeichen und Minderwertigkeitsgefühlen, aus dem schwer wieder heraus zu kommen ist. Wer sich nicht sicher ist, sollte seinen Hausarzt zu diesem Thema befragen. Dieser wird feststellen, ob hinter der Aufschiebetechnik eventuelle eine psychische Störung oder gar eine Depression steckt. Im Internet können einige Tests durchgeführt werden, die Hinweise für eine Depression liefern können. Es gibt auch zahlreiche Verhaltensregeln, die helfen können, die Prokrastination in den Griff zu bekommen. Hier ein paar wichtige zusammengefasste Regeln:

  • Fragen Sie sich, warum Sie gewisse Arbeiten scheuen.
  • Planen Sie die Tätigkeiten für den nächsten Tag.
  • Setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck.
  • Seien Sie sich über die Konsequenzen im Klaren, wenn Sie Aufgaben immer wieder verschieben.
  • Zerlegen Sie große Aufgaben in Kleinere, so dass der Berg vor Ihnen immer kleiner wird.
  • Versuchen Sie nicht, perfekt zu sein. Wer sich auf unnütze Details konzentriert, übersieht häufig das Wesentliche.
  • Erledigen Sie unangenehme Tätigkeiten als erstes.
  • Sorgen Sie für Ordnung an Ihrem Arbeitsplatz.
  • Halten Sie sich nicht unnötig mit Zeitfressern auf (Fernsehen, Internet)
  • Zwingen Sie sich dazu, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Machen Sie sich jetzt aber nicht unnötig verrückt. Es wird keinen Menschen geben, der sich in diesem Text nicht selber wieder erkennt. Aufschiebe-Strategien kennt jeder Mensch. Nur wer eine Beeinträchtigung in seiner Persönlichkeit bemerkt, sollte handeln.